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Jan Wawrzyniak
Drawn by the other










Ausstellungsansicht Museum Wiesbaden 2014/15



Alexanderlinie, 2014/15
Kohle auf Shoji-Papier

Der Feature-Raum der Galerie m zeigt eine 2014 entstandene singuläre Videoarbeit des in Berlin lebenden Künstlers Jan Wawrzyniak (*1971), der bisher vor allem mit seinen „Gezeichnete(n) Bilder(n)“ in Bochum zu sehen war. Das ausgestellte Werk „Drawn by the other“ dokumentiert zum einen den Entstehungsprozess einer 18 Meter langen Linie („Alexanderlinie“) auf Shoji-Papier, die für die Ausstellung „Broken and Lost Drawing“ im Museum Wiesbaden entstanden ist und sich seitdem in dessen Sammlung befindet; zum anderen reflektiert der Künstler in dieser Arbeit fundamentale Fragen, die sich im Spannungsfeld von künstlerischer Produktion und ihrer Einbettung in soziale Verhältnisse bis hin zu elementaren Fragen an den Prozess des Zeichnens selbst bewegen. Denn was könnte im Bereich der Zeichnung unmittelbarer und essentieller sein als eine einzelne Linie? Jan Wawrzyniak nähert sich dieser Frage auf eigenwillige Weise an.

Im Mittelpunkt der Projektion verharrt die Künstlerhand, die ein Kohlestück hält. „Die Linie entsteht aus dem Punkt, den die Hand gewählt hat. Die Hand punktiert das Papier und während das Papier wandert, bleibt die Hand passiv. Die Linie wird nicht gezogen, sie wird erwartet.“ Diese Aussage des Künstlers sowie den Titel der Videoarbeit „Drawn by the other“* kann man als Hinweise auf die komplexen Zusammenhänge lesen, die - bei aller Einfachheit der Form - in dieser Arbeit mitschwingen. Jan Wawrzyniak verschiebt die traditionelle Rolle des Künstlers als einem, der Form gibt, zu einem Wechselverhältnis, in dem Form entsteht. Die durch das Ziehen des Papiers realisierte Linie erscheint hier nicht als Resultat einer gestischen Handlung, sondern durch soziale Interaktion, die auf wechselseitigen Abhängigkeits- und Vertrauensverhältnissen basiert. Diese Arbeitsteilung lenkt die Aufmerksamkeit aber auch auf zwei wesentliche Elemente des Zeichnens einer Linie: den Druck und die Bewegung. In der Linie selbst ist ihr Entstehungsprozess festgeschrieben, indem sie Spuren des Innehaltens und Zeichnens aufweist, kleine Bruchstellen, die den Übergang zwischen Pause und Bewegung dokumentieren.

Nicht viel ist zu sehen, nur der rhythmische Ablauf des Prozesses, der weder Anfang noch Ende hat und einem „Geben und Nehmen von Hand zu Hand“ (Ulrike Kregel) gleicht. Gespanntes Durchatmen (drawing breath) und konzentrierte Aktion wechseln einander ab. Das Kratzen des Kohleabriebs auf dem Papier, das Ziehen des Papiers selbst und die Auf- und Abrollgeräusche bilden den Takt dieser Arbeit. „Die Einfachheit der Form ist eine Folge der Reduzierung von Entscheidungen“, so formuliert es Jan Wawrzyniak selbst. Während für das Wiesbadener Raumkonzept die realisierten Linien maßgebend waren, konzentriert sich die Videoarbeit unmittelbar auf die zwischenmenschliche Interaktion als der eigentlichen Herausforderung.

* Das englische Verb „to draw“ wird in diesem Zusammenhang sowohl als „zeichnen“ als auch als „ziehen“ übersetzt.