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Ausstellungsinformationen

3. Mai 1969 - 3. Mai 2019
 
Sybille Berger | Anja Bohnhof | Evelina Cajacob | Lucinda Devlin | Antje Dorn | Paco Fernández | Thomas Florschuetz | Lena von Goedeke | Claus Goedicke | Kuno Gonschior | Gotthard Graubner | Caroline von Grone | Carla Guagliardi | Marta Guisande | Evelyn Hofer | Aino Kannisto | Barbara Köhler | Christiane Löhr | Laura Letinsky | Adolf Luther | Melanie Manchot | François Morellet | Simone | Nieweg | François Perrodin | Alfredo Álvarez Plágaro | Tanya Poole | Arnulf Rainer | Dirk Reinartz | Boris Savelev | Stephan Schenk | Jan J. Schoonhoven | Richard Serra | Lee Ufan | Elisabeth Vary | Jan Wawrzyniak | Peter Wegner

Kaum zu glauben – 50 Jahre ist es her, dass am 3. Mai 1969 die Galerie m ihre erste Ausstellung eröffnete! Heute blickt sie auf mehr als 300 Ausstellungen zurück und nimmt eine feste Position im internationalen Kunstbetrieb ein. Grund genug für die heutige Inhaberin Susanne Breidenbach und ihre MitarbeiterInnen inmitten des intensiven Ausstellungsbetriebs, der Messevorbereitungen, Vermittlungstätigkeit, Museums- kooperationen und Buchproduktionen innezuhalten, um vom 3. Mai bis 5. Oktober 2019 mit einer Ausstellung auf die Geschichte der Galerie, ihre aktuellen Aktivitäten und zukünftigen Projekte zu blicken. Die Schau reicht von „Klassikern“ des Galerieprogramms wie Richard Serra bis hin zu jüngsten Positionen wie Lena von Goedeke und umfasst Fotografie, Malerei, Zeichnung, Skulptur sowie Raum- und Videoinstallationen. Mit den meisten der KünstlerInnen verbindet die Galerie m eine jahre- gar jahrzehntelange Zusammenarbeit. Bemerkenswert ist beispielsweise, dass sie 1969 in ihrer ersten Ausstellung „m1, junge europäische Künstler“ Werke des damals 34jährigen Kuno Gonschior zeigte und zuletzt 2017 mit einer Einzelausstellung auf sein Werk zurückblickte. Jetzt wird er mit einem herausragenden, frühen Leuchtfarben-Bild zu sehen sein.

Die 1970/71 entstandene großformatige Malerei „Rote Punkte“ von Gonschior ist eine von vielen Höhepunkten innerhalb der Präsentation. Sie befindet sich in einem Raum mit weiteren ausgesprochen farbintensiven Werken von Antje Dorn, Peter Wegner und Sybille Berger, deren Betrachtung die Sinne auf das Äußerste herausfordert und deutlich macht, dass die Erfahrung von Farbe bzw. Licht ein wesentliches und ureigenes Element der Malerei darstellt. Diese Erfahrung von Kunst, die auf einer intuitiven, sinnlichen Ebene basiert, ist auch eines der Hauptanliegen Max Imdahls gewesen, der als erster Ordinarius an der damals neugegründeten Ruhr-Universität Bochum forschte und lehrte. Seine Herangehensweise, die Suche nach den ganz eigenen Erkenntnismöglichkeiten des Kunstwerks, die im persönlichen Austausch mit dem Gründer der Galerie Alexander von Berswordt-Wallrabe auch die frühe Galeriearbeit beeinflusste, prägt bis heute das Verständnis von Kunst der Galerie m.

Die besondere Beziehung kommt auch im Titel der ausgestellten Stahlskulptur „Spine (for Max Imdahl)“, 1988 erstmalig in der Galerie gezeigt, von Richard Serra zum Ausdruck, dessen Werk mit der Geschichte der Galerie verwoben ist. Als europäische Vertretung des Künstlers wurden in enger Zusammenarbeit zwischen Serra und von Berswordt seit 1977 zahlreiche wichtige Museumsausstellungen des Künstlers initiiert und ortsbezogene Skulpturen- und Ausstellungsprojekte in ganz Europa realisiert. Die jetzt wieder zu sehende Skulptur „Spine“ beeindruckt durch die Massivität und die zugleich prekär ausbalancierte Platzierung; sie bewirkt eine unmittelbar körperliche, existentielle Erfahrung. Mit ihrem Gewicht von etwa drei Tonnen stellt diese Arbeit auch die besonderen Qualitäten der Galerieräume unter Beweis.

Das Gebäude im Weitmarer Park in Bochum wurde 1973-74 mit dem Architekten Peter Forth eigens für die Galerie konzipiert. Die Ausstellungsräume bieten mit ihren unterschiedlichen Raumhöhen und -volumina und ihrer hervorragenden Lichtsituation einen für Künstler und Besucher gleichermaßen inspirierenden Ort, der ideal ist für die Präsentation von Kunstwerken unterschiedlichster Art, bis hin zu raumgreifenden Installationen. Die Schwere des Materials von Serras Skulptur findet im übertragenen Sinne einen Widerhall sowohl in den Fotografien der Serie „The Omega Suites“ von Lucinda Devlin als auch in der Tapisserie aus der Serie „Kreuzweg“ von Stephan Schenk.

Die Auseinandersetzung mit historischen, politischen und gesellschaftlichen Themen in der Kunst ist Teil der langjährigen kuratorischen Praxis der Galerie m. So waren Arnulf Rainers Fotoübermalungen „Hiroshima“, die heute dem Lenbachhaus in München gehören, 1982 erstmals in der Galerie ausgestellt; auch Dirk Reinartz‘ Serie „totenstill“ war durch Initiative der Galerie m weltweit in 35 Museen zu sehen. US-amerikanische Todeszellen, die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs, nationalsozialistische Konzentrationslager oder der Abwurf der Atombombe – historische und gegenwärtige Ereignisse, die unsere Vorstellungskraft überfordern und an die Grenzen des Erträglichen führen. Um so elementarer sind die künstlerischen Formulierungen und deren Ausstellung für die Auseinandersetzung auch im gesellschaftlichen Kontext.

Arnulf Rainers „Schwarze Zumalung“, um 1958, erzählt von einer anderen Art der Verdichtung: durch die Malerei selbst, durch die schwarze Farbe, die der bedeutende österreichische Künstler in zahlreichen Schichten im Ringen um das Bild durch teils expressiven Gestus aufgetragen hat. Schwere und Verdichtung, aber auch Reduktion auf der einen Seite sowie Klarheit und Leichtigkeit bis hin zu Immaterialität auf der anderen Seite charakterisieren die Werke in der großen Halle, die sich – im Gegensatz zu den bereits erwähnten farbintensiven Werken in der langen Galerie – durch ein reduziertes Farbspektrum auszeichnen. Dialogische Bezüge und formale sowie inhaltliche Kontraste entstehen nicht nur zwischen den Exponaten, sondern auch innerhalb einzelner Arbeiten. Devlins Bilder zeichnen sich trotz der inhaltlichen Dichte und Komplexität durch Luzidität und nüchterne Klarheit aus, und in der großformatigen Fotografie aus der Serie zum Abriss des Palast‘ der Republik von Thomas Florschuetz verdichten sich der Blick in und durch das skelettartige Innere des entkernten Gebäudes und der Ausblick auf die Museumsinsel zu einem Bild von historischem Gewicht. In Lee Ufans Skulptureninstallation „Relatum“, 1978, begegnen sich Licht, Steine und

Leinwand in einer transzendentalen Auseinandersetzung mit Leere und Raum. Licht, Reflektion und Immaterialität sind auch bestimmende Faktoren in den Werken von Adolf Luthers „Spiegelobjekt“, und Lena von Goedekes „Radar“, welches man auch als ein Nachdenken über die Fassbarkeit der Welt verstehen kann. Im Entree der Ausstellung begegnen die BetrachterInnen einer Vielzahl von Bildsprachen, die in unterschiedlichster Weise Räumlichkeit thematisieren.
Drei virtuos auf Papier entwickelte Farblandschaften von Gotthard Graubner regen zu kontemplativer Bildbetrachtung an, einer scheinbar endlosen visuellen Erforschung von Farbe und ihrer räumlichen Wirkung. Im Kontrast dazu steht die minimalistische, dynamische Linienführung in den Zeichnungen von Norbert Kricke. Auch das installative Werk von Evelina Cajacob basiert auf der Verwendung von Linien. Die Künstlerin schraffiert ein vor der Wand schwebendes Objekt zart auf die dahinterliegende Wand und überträgt es somit auf die Fläche. Im Gegensatz dazu löst Elisabeth Vary mittels Farbe und Duktus malerisch die klare Form ihres Malkörpers auf. François Perrodins Objekt dagegen ist durch mathematische Prinzipien bestimmt – trotzdem sind das Werk und auch die Wahrnehmung dessen stets unbeständig, sensibel, reagierend. Bei François Morellets Neonarbeit „Diagonalea“ von 2003 scheint das Werk aus den Fugen zu geraten, weichen Fläche und Linie von der Norm ab und ordnen sich auf unkonventionelle Weise neu.

Die Ausstellung bespielt alle Räume der Galerie, sodass Werke von 18 Künstlerinnen und von 18 Künstlern zu sehen sind. Zeichnete die Galeriearbeit sich in den ersten, also den frühen 70er Jahren, insbesondere durch die Auseinandersetzung mit Neuer Konkreter Kunst aus und blieb die programmatische Ausrichtung bis Ende der 90er Jahre ungegenständlich, so spielt heute auch die Gegenständlichkeit in der Malerei eine Rolle. Das Bildgenre Porträt hat sich zu einem besonderen Fokus des Galerieprogramms entwickelt. Dies würdigen vier Ausstellungen „in Folge“ mit Porträtserien von vier Künstlerinnen: Den Auftakt bilden aktuelle mehrteilige Malereiporträts von Caroline von Grone, gefolgt von Anja Bohnhofs Indienporträts aus der Serie Krishak, Tuschemalereien der Serie „Audiences“ von Tanya Poole sowie Fotografien von Evelyn Hofer. Schon früh mit Ausstellungen von unter anderem Florence Henri (1975) war Fotografie ein programmatischer Bestandteil der Galerie, seit Anfang der 90er Jahre wurde sie mit Nan Goldin, Dirk Reinartz, Boris Savelev und Lucinda Devlin ein wichtiger Schwerpunkt, was 2000 in die Gründung von m Fotografie durch Susanne Breidenbach mündete.
Im Jahr 2003 übergab der Galeriegründer Alexander von Berswordt die Galerie an Susanne Breidenbach. Fotografie zusammen mit anderen Gattungen der bildenden Kunst wie Malerei und Skulptur zu ist und bleibt ein wichtiges Moment in der Ausstellungspraxis der Galerie m. Einem konzentrierten Dialog jeweils zweier künstlerischer Positionen widmen wir die wechselnden Ausstellungen in der Hofgalerie: die von der Natur inspirierten Werke von Marta Guisande und der Bildhauerin Christiane Löhr; die Bilder der Becher-Schüler Simone Nieweg und Claus Goedicke; die Fotografien von Aino Kannisto und Laura Letinsky; die Werke der Spanier Alfredo Álvarez Plágaro und Paco Fernández.
Vier Ausstellungen „in Folge“ mit mehrteiligen Malereiporträts von Caroline von Grone, Anja Bohnhofs Indienporträts aus der Serie Krishak, Tuschemalereien der Serie „Audiences“ von Tanya Poole sowie Fotografien von Evelyn Hofer widmen sich dem Bildgenre Porträt, das sich zu einem besonderen Fokus des Galerieprogramms entwickelt hat. Im Feature-Raum werden zunächst die Videoarbeit „Cadence“ von Melanie Manchot und anschließend Installationen von Jan Wawrzyniak, Barbara Köhler und Carla Guagliardi zu sehen sein, die diese für den Projektraum entwickeln. Ab dem 3. Mai können Sie die Ausstellung auch virtuell auf unserer Webseite besuchen, die sich nach einem Relaunch nun in optimierter Gestaltung präsentiert. Sie erfahren dort wie gewohnt auch mehr zu den aktuellen Projekten, Ausstellungen und Publikationen unserer KünstlerInnen.

Susanne Breidenbach und ihre MitarbeiterInnen freuen sich mit KünstlerInnen, KuratorInnen, SammlerInnen und FreundInnen der Galerie in der Ausstellung, besonders am Abend der Eröffnung (3. Mai, 18 bis 20 Uhr), auf die facettenreiche Geschichte der Galerie zu blicken. Wir sehen zugleich in gespannter Erwartung zukünftigen Projekten entgegen.

Den ausführlicheren Text können Sie mit der PDF downloaden.
Richard Serra "Spine (For Max Imdahl)", 1988
Antje Dorn o.T., N°30 (orange), 2012, 220 x 180 cm
Lee Ufan, Relatum, 1978
Kuno Gonschior, Rote Punkte, 1970/71
Adolf Luther, Spiegelobjekt, 1974
Peter Wegner, "Daylight 1", 2014
Lena von Goedeke, "Radar II", 2018
Lucinda Delvin, Electric Chair Greensville Correctional Facility, Jarratt, Virginia, 1991
Arnulf Rainer, Schwarze Zumalung, um 1958